11 Jahre

Anfang der Woche traf ich durch Zufall eine alte Bekannte wieder. Wir hatten gemeinsam die Schulbank von der ersten bis zur dreizehnten Klasse gedrückt. Unsere Freundschaft war von Höhen und Tiefen geprägt und war zum Ende hin doch eher abgeflacht. Nach nun genau fünf Jahren trafen wir uns also wieder. Die Zeit hatte unserem Verhältnis sehr gut getan. Alte Wunder sind inzwischen verheilt, alte Vertrautheit war sofort wieder hergestellt.
So beschlossen wir, am Samstag Abend wie in guten alten Zeiten um die Häuser zu ziehen. Wir landeten dann in einem Laden mit lauter Wayne Rooneys und Frank Lampards für Arme. Meine Freundin, (wie mir scheint) verzweifelter Single, sondierte sogleich das Terrain, um den Glücklichen zu finden, der sich ihrer Annäherungsversuche sicher sein konnte. Dieser war schnell gefunden und so begannen wir, die beste Taktik auszuklügeln, um denjenigen welchen von seinem Glück den Qualitäten meiner Freundin zu überzeugen. Während sie ihre Augen nicht von dem Fremden lassen konnte, erblickte ich in der Menge jemanden, der mir sehr bekannt vorkam und den ich sehr gut kannte.
Schlaflose Nächte, das ewige Hoffen auf einen Blick, eine Geste, ein Wort von ihm hatte eine sehr lange Zeit mein Dasein bestimmt. Damals war er der Held meiner Jugend und ich hätte alles gegeben für einen Funken Aufmerksamkeit. Nun stand er also nicht fern von mir und ich war erstaunt, wie wenig er sich verändert hatte. Noch in Gedanken bei der Frage, ob ich ihn ansprechen sollte oder nicht, wurde ich auf magische Weise wie von einer unsichtbaren Kraft auf die Tanzfläche gezogen, um dem Ausdruckstanz zu den Klängen einer schottischen Band deutschen Namens freien Lauf zu lassen. Keine zwei Minuten dauerte es bis der Traum von damals den Kontakt aufnahm.
Ist es nicht merkwürdig, dass man manchmal 11 Jahre warten muss bis genau das eintritt, was man sich so sehnlich wünscht? Bis auf vielleicht einen kleinen Unterschied: damals hatten wir noch keine Handys und hätten statt dessen die Festnetznummern ausgetauscht und uns mit der Angst quälen müssen, einen Erziehungsberechtigten statt des gewünschten Gesprächspartners an den Apparat zu bekommen.
PS: Meine Freundin hatte leider nicht so viel Glück. Der Auserwählte hat eine Freundin in Polen und ist eine treue Seele.

Trackback URL:
http://madamesauvage.twoday.net/stories/2277897/modTrackback


Begegnungen
Cologne
England
Erinnerungen
La vie fabuleuse de la Mme S.
Mein 2006
Mein 2007
und außerdem
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren